Aktive Patienten und vernetzte Teams

Im Gesundheitssystem der Zukunft werden die Rollen neu definiert

Robert Bosch Stiftung | Oktober 2019

Zwischen Ohnmacht und Allmacht: Wo steht der Mensch in unserem Gesundheitssystem? Diese Frage diskutierten die Gäste der Podiumsdiskussion der Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“ am Dienstag, den 24. September in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung. Das Smartphone vermittle manchen Menschen Allmachtsgefühle, sagte der Psychologe, Marktforscher und Bestseller-Autor Stephan Grünewald in einer Videobotschaft. Mit dem „neuen Körperteil“ habe man die Welt in der Hand, alles sei spielend leicht steuerbar. Im Zeitalter des „Digitalen Appsolutismus“, so Grünewald, halte man sich mit Smartphone-Anwendungen fit und gesund. „Ohnmacht und Krankheit werden nicht mehr gelitten.“

Im analogen Alltag machen die Menschen jedoch oft Ohnmachtserfahrungen. „Der Zugang zu unserem Gesundheitssystem richtet sich nach den Öffnungszeiten der Arztpraxen und nicht nach den Bedürfnissen von Menschen, die einen Job und vielleicht auch Familie haben“, sagte Prof. Dr. Tobias Esch vom Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung der Universität Witten/Herdecke. Andererseits habe der Patient auch viel Macht. „Wenn jemand meint, dass er unbedingt ein MRT braucht, bekommt er das in der Regel auch.“ Ohnmacht und Allmacht stehen nebeneinander.

Die eigene Rolle im Gesundheitssystem ist auch ein Thema, das viele Bürger beschäftigt. Das berichtete Hilger-Björn Hilgerloh von den Bürgerdialogen, die ein wichtiger Bestandteil der Reformwerkstatt sind. Als einer der gewählten Bürgerbotschafter hat Hilgerloh die Wünsche und Ideen der Menschen in den Gesprächsrunden, die im Mai in fünf Städten stattfanden, gesichtet und zusammengefasst. „Für die Bürgerinnen und Bürger war beispielsweise die Stärkung der Gesundheitskompetenz besonders wichtig.“

Bastian Hauck von der Deutschen Diabetes-Hilfe betonte, dass viele Patienten bei ihrer Therapie auch heute schon eine sehr aktive Rolle spielen. „Menschen, die Diabetes Typ-1 haben, treffen mehr als 180 gesundheitsrelevante Entscheidungen am Tag. Da kann ich nicht jedes Mal meine Ärztin anrufen“, sagte Hauck. Ein Diabetes-Patient spreche im Quartal durchschnittlich aber gerade einmal 15 Minuten mit seinem Arzt. Auch Dr. Heidrun Gitter, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, sieht den Zeitmangel als großes Problem der Gesundheitsversorgung. „Es ist leider Realität, dass Ärzte und auch Pflegende häufig nicht so viel Zeit für die Kranken haben, wie es aus unserer Sicht notwendig wäre. Das ist eine große Belastung und führt auch zur teilweisen Aufgabe des Berufes.“

Ärzte könnten allerdings auch selbst etwas unternehmen, um mehr Zeit für Patienten zu haben, ist Tobias Esch überzeugt. Schon im Vorfeld eines Behandlungstermins könne das Praxisteam den Patienten gezielt befragen. „Was, glauben Sie, hat Ihr Problem verursacht? Was wollen Sie mit der Behandlung erreichen? Wovor haben Sie Angst? Für die Menschen bedeutet auf Augenhöhe behandelt zu werden, dass man ihre Bedürfnisse abfragt“, sagte Esch. Dank digitaler Technik könnten Patienten die Fragen auch schon vor dem Praxisbesuch in Ruhe zu Hause beantworten.

Allerdings ist eine Online-Befragung wohl nicht für alle Patienten geeignet. „Zu uns kommen viele ältere Menschen, die mit Smartphone und Tablet gar nichts anfangen können“, sagte Karin Wolf, medizinische Fachangestellte der Poliklinik Veddel. Wichtiger als Technik seien für die Patienten ein menschlicher Umgang und ein offenes Ohr. In dem Hamburger Stadteil-Gesundheitszentrum, das viele Menschen mit geringem Einkommen betreut, arbeitet ein interdisziplinäres Team als Kollektiv zusammen. Dazu gehören Ärzte verschiedener Fachrichtungen, medizinische Fachangestellte, Sozialpädagogen, Gesundheits- und Krankenpfleger und Fachleute mit anderen Qualifikationen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich. „Wenn wir Menschen helfen wollen, müssen wir ihre Lebenssituation kennen und mit einbeziehen.“

Aus Sicht der Bundestagsabgeordneten Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, sollen interdisziplinäre Gesundheitszentren in Zukunft eine größere Bedeutung bekommen. „Das arztlastige System von heute können wir so nicht fortführen. Wir setzen uns gerade auf dem Land für teamorientierte Versorgung ein, bei der die Gemeindeschwester oder ‚Community Nurse‘ eine wichtige Rolle übernimmt, vor allem als Ansprechpartnerin für chronisch Erkrankte.“ Dabei müsse die auf Krankheitsfälle fokussierte Finanzierung durch die Krankenkassen hinterfragt werden. „Auch Vernetzungsarbeit muss bezahlt werden“, forderte Klein-Schmeink.

Tobias Esch zufolge gehören die vielen chronisch kranken Menschen in den Fokus der Gesundheitsversorgung. „Sie sind Experten ihrer selbst. Daher sollten sie mit den Ärzten aushandeln, welche Therapie für sie am besten ist.“ Bastian Hauck betonte, dass die Versorgung nicht sofort aufhören dürfe, wenn eine Therapie abgeschlossen sei, zum Beispiel bei Krebspatienten. „Gerade bei der Rückkehr in den Alltag beginnt für viele eine harte Zeit.“

Heidrun Gitter fordert, dass Ärzte wieder Zeit für Aspekte haben, die über die unmittelbare Therapie hinausgehen. Sie müssten "den ganzen Menschen" im Blick haben und daher zum Beispiel auch das soziale Umfeld der Patienten einbeziehen. Dies wurde durch eine Wortmeldung aus dem Publikum unterstrichen: „Unser Gesundheitssystem sorgt nicht ausreichend für die Gesundheit von pflegenden Angehörigen.“ Ein anderer Zuhörer forderte dann auch eine stärkere Vertretung der Patienten in Gesundheitsgremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss.

Intelligenter Einsatz moderner Technik, neue Organisationsformen, bessere Prävention, mehr Mut zur Mitwirkung, mehr Zeit für ein Gespräch: Ideen dieser Debatte, die die Reformwerkstatt weiterverfolgen wird. „Die Diskussion hat verdeutlicht, dass die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung auf die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist“, resümierte Dr. Bernadette Klapper, Bereichsleiterin Gesundheit der Robert Bosch Stiftung. „Dass viele Menschen zu einer aktiven Rolle bereit sind, zeigt das Engagement in unseren Bürgerdialogen. Unser Gesundheitssystem sollte die Menschen darin unterstützen und für eine gute Balance zwischen Situationen der Allmacht und Ohnmacht sorgen.“