„Der Politik fehlt eine Vision für das Gesundheitswesen“

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Think-Lab-Experte im Interview: Hermann Brandenburg, Professor für Gerontologische Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar

 

Foto: Jörg Brüggemann

„Neustart!“: Wie erleben Sie die Diskussionen mit den anderen Experten im Rahmen des Think Labs? Finden die Spezialisten aus unterschiedlichen Bereichen eine gemeinsame Sprache?

Hermann Brandenburg: Ich war anfangs etwas skeptisch, aber der Austausch gestaltet sich sehr lebhaft und ergiebig. Interessant finde ich, dass sich alle Expertinnen und Experten - egal aus welchem Bereich sie kommen - für den Erhalt eines auf Solidarität basierenden gemeinwohlorientierten Gesundheitswesens aussprechen. Es werden aus interdisziplinärer Perspektive Argumente gegen eine weiter fortschreitende Privatisierung und Kommerzialisierung gesundheitlicher und pflegerischer Leistungen vorgetragen. Das entspricht auch meiner Sicht der Dinge. Wichtig ist, dass  diese Reformwerkstatt am Ende auch mit der Politik verbunden wird. Denn der Politik fehlt eine Vision für das Gesundheitswesen.

„Neustart!“: Welches Thema war Ihnen beim zweiten Think Labs besonders wichtig?

Hermann Brandenburg: Die Neuaufstellung der Pflege, vor allem der Langzeitpflege. Das ist der Bereich, aus dem ich komme und auf den einer der diskutierten Megatrends, nämlich der demografische Wandel, bereits konkrete Auswirkungen hat. Das Gesundheitssystem muss sich in den kommenden Jahren auf einen stark ansteigenden Pflegebedarf älterer Menschen einstellen. Damit verbunden sind zahlreiche Herausforderungen – denken wir nur an die Quartiersentwicklung der Heime, die Veränderung des Kompetenz- und Aufgabenspektrums der Pflegeberufe, die bessere Vernetzung ambulanter und stationärer Versorgungssysteme. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, tatsächlich eine Aufwertung des Pflegeberufs insgesamt zu realisieren. Die Politik ist hier nach wie vor ambivalent: Sie redet zwar von Wertschätzung und Aufwertung, gleichzeitig bleibt die Frage der finanziellen Förderung grundständiger Pflegestudiengänge ungeklärt. Wir brauchen engagierte, motivierte und gut ausgebildete Pflegefachkräfte, die den demografischen Wandel nicht als Belastung, sondern als Herausforderung sehen und erleben dürfen.  

„Neustart!“: Einer der Trends, über die Sie diskutiert haben, ist die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Droht eine Erosion der Solidargemeinschaft?

Hermann Brandenburg: Spätestens mit der Pflegeversicherung 1995/1996 sind Markt- und Wettbewerbselemente in die Pflege eingeführt worden, deren kontraproduktive Auswirkungen wir jetzt beobachten können. Dabei wäre es naiv, der Christdemokratie den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben, auch sozialdemokratische Politik ist dafür verantwortlich zu machen. Denn bereits Mitte der 1990er Jahre hat die damalige rot-grüne Bundesregierung private Anbieter mit anderen Anbietern in der Pflege gleichgestellt. Und im gleichen Zeitraum hat sie spekulative Fonds auf dem deutschen Kapitalmarkt zugelassen. Die Auswirkungen dieser politischen Fehlentscheidung sehen wir jetzt. Es ist eine Entwicklung, bei welcher die moralischen Fundamente der Wohlfahrtspflege zu erodieren drohen. Insgesamt gilt: Das Management der organisierten Altenhilfe mag im Hinblick auf Methoden der Betriebsführung insgesamt professioneller geworden sein – doch mit zunehmend erwerbswirtschaftlich ausgerichteten Unternehmenspolitiken sind ideelle und fachliche Bezüge immer deutlicher in die Defensive geraten.

„Neustart!“: Daneben gibt es den Trend, dem Bürger mehr Verantwortung im Gesundheitsbereich zu geben. Ist das eine positive Entwicklung oder sind viele Menschen damit überfordert?

Hermann Brandenburg: Die zunehmende Akzentuierung von Autonomie und Betonung des Einzelnen halte ich für problematisch. Selbstbestimmung und Fürsorge müssen immer in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Aber im Zusammenhang mit der gerade skizzierten politischen Großwetterlage wird immer stärker versucht, den Einzelnen in die Pflicht zu nehmen; aus ethischer und fachlicher Sicht sind hier größte Bedenken anzumelden. Die Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang von „Selbstoptimierung“. Da gibt es meines Erachtens Grenzen, die wir einhalten sollten. 

„Neustart!“: Was würden Sie als erstes ändern, wenn Sie Bundesgesundheitsminister wären? 

Hermann Brandenburg: Ich würde mich zunächst dafür einsetzen, den Stellenwert der Pflege zu verbessern. Dazu gehört auch die Akademisierung in diesem Bereich. Als Hochschullehrer werden Sie es mir nachsehen, dass ich diesen Bereich hervorhebe. Es wird keine substantiellen Innovationen geben, wenn man nicht bereit ist, erheblich in den Pflegeberuf zu investieren – und zwar qualifikatorisch, fachlich und von den Kompetenzprofilen. Das bedeutet auch, einem Konflikt mit den Ärzten nicht aus dem Weg zu gehen. Allein im deutschsprachigen Raum haben wir 45 medizinische Fakultäten, weitere sind geplant. Es existiert aber nur eine einzige pflegewissenschaftliche Fakultät, nämlich die an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar. Meiner Meinung nach ist unser Gesundheitssystem zu sehr arztfixiert, die verschiedenen Gesundheitsberufe müssen zukünftig viel stärker auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Sonst werden einerseits Ressourcen verschwendet und andererseits Versorgungsdefizite – und die sehen wir überall – nicht wirklich behoben.