Mehr Gesundheit durch Umweltschutz und Innovationen

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Think-Lab-Expertin im Interview: Anja Leetz, Umwelt- und Gesundheitsberaterin

 

Foto: Henning Anderer

„Neustart!“: Frau Leetz, über welche Megatrends in der Gesundheitsversorgung haben Sie beim Think Lab besonders intensiv diskutiert?

Anja Leetz: Unter anderem über die Fragen, wie sich Umweltfaktoren wie Klimawandel und Antibiotikaresistenz auf die menschliche Gesundheit und das Gesundheitssystem auswirken und wie man diese Faktoren beeinflussen kann, um Gesundheit zu fördern. Nehmen Sie das Beispiel Asthma! Luftverschmutzung verstärkt diese Krankheit erheblich. Um die Qualität der Luft zu verbessern, sollten die geltenden Gesetze konsequent umgesetzt und die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid verschärft werden. Das würde die Zahl der Erkrankungen sowie die Kosten für das Gesundheitssystem reduzieren und langfristig für mehr Gesundheit aller sorgen.

„Neustart!“: Welche beruflichen Erfahrungen haben Sie in die Think-Lab-Diskussionen eingebracht?

Anja Leetz: In den letzten zehn Jahren habe ich häufig mit Krankenhäusern zusammengearbeitet. Dabei ging es immer um das Ziel, den ökologischen Fußabdruck eines Krankenhauses zu reduzieren. Zu Beginn konzentrierten sich die Akteure vor allem darauf, medizinische Abfälle besser zu trennen und umweltgerecht zu entsorgen. Je intensiver wir uns mit der Materie beschäftigten, umso klarer wurde, dass es nicht ausreicht, nur die Entsorgung zu verbessern. Um den Gesundheitsschutz von Personal und Patienten zu gewährleisten und den Umweltschutz im Gesundheitsbereich zu verbessern, müssen wir viel früher beginnen und umfassender agieren. Viel besser ist es, eine nachhaltige Einkaufsstrategie für Gesundheitseinrichtungen anzuwenden, um zum Beispiel den Einsatz vieler gesundheits- und umweltgefährdender Stoffe in Medizinprodukten und Baumaterialien von vornherein auszuschließen. Wenn wir im gesamten Gesundheitsbereich solche Strategien einführen, verbessern wir nicht nur den Gesundheitsschutz unserer Kolleginnen und Kollegen, der Patientinnen und Patienten sowie den Umweltschutz in der Branche, sondern wir sparen auch erheblich Material und Ressourcen, optimieren Prozesse und reduzieren Kosten.

„Neustart!“: Gibt es Beispiele, wo solche Strategien schon eingesetzt werden? 

Anja Leetz: Es gibt in Europa viele gute Vorreiter, an denen wir uns orientieren können. Zum Beispiel wurde in Wien schon 1998 das ökologisch und sozial ausgerichtete Beschaffungsprogramm „Ökokauf“ eingeführt, das auch für alle städtischen Krankenhäuser gilt. Produkte werden möglichst umweltfreundlich eingekauft und verwendet – das reicht von Textilien und Büromaterialien über Biolebensmittel bis hin zu Desinfektionsmitteln oder Baumaterialien. Kriterien sind unter anderem, Ressourcen zu schonen, Emissionen zu vermeiden sowie auf gefährliche und toxische Materialien zu verzichten. Diese Kriterien sind öffentlich und kostenlos zugänglich und sind sofort umsetzbar. Auch Städte, Gesundheitseinrichtungen und andere öffentliche und private Institutionen in Deutschland können sich daran orientieren. Das würde einen positiven Nebeneffekt auslösen: Wenn die Nachfrage nach ökologischen Produkten steigt, reagieren die Hersteller mit Innovationen. Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, in neue, verbesserte umweltfreundliche Produkte und Prozesse zu investieren.

„Neustart!“: Was würden Sie als erstes im deutschen Gesundheitswesen ändern?

Anja Leetz:  Von der Krankenversorgung zur Gesundheitsvorsorge: Ich würde sofort wesentlich mehr in Prävention und Gesundheitsbildung investieren, momentan sind es weniger als vier Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Das deutsche Gesundheitssystem muss stärker darauf ausgerichtet werden, dass die Menschen möglichst lange gesund bleiben. Das fängt bei der Ernährung an. In Großbritannien gibt es zum Beispiel eine Zuckersteuer, in Deutschland sind wir noch weit davon entfernt. So würde ich etwa verbindliche Schulungen einführen, die den Beschäftigten in der Gesundheitsversorgung bewusst machen, wie sie gesundheitsfördernd und nachhaltiger arbeiten können und damit das Klima und die Umwelt schonen. 

„Neustart!“: Wie empfanden Sie den Austausch mit anderen Wissenschaftlern im Rahmen des Think Labs?

Anja Leetz: Ich finde generell, dass wir stärker interdisziplinär arbeiten sollten. Dieses Forum ist dafür eine tolle Gelegenheit. Man muss sich darauf einlassen, anderen zuzuhören und seine Argumente vorzubringen, ohne allzu sehr im Jargon des eigenen Fachbereichs zu sprechen. Das gelingt hier sehr gut. Ich bin gespannt, wie sich diese Reformwerkstatt weiter entwickelt.