„Das Wichtigste ist, dass Sie frei denken“

Lebhafte Debatten bei den Bürgerdialogen über die Zukunft des Gesundheitswesens

Robert Bosch Stiftung | Mai 2019

„Ich finde, es ist eine tolle Gelegenheit, aktiv mitzugestalten und nicht immer nur darüber zu schimpfen, was falsch gemacht wird.“ Mit dieser Einschätzung brachte Iris Kees aus Köln die Motivation vieler Teilnehmer der Bürgerdialoge der Robert Bosch Stiftung im Rahmen von „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“ auf den Punkt. Das Engagement der geladenen Bürger für die Zukunft der Gesundheitsversorgung war bei allen Diskussionen spürbar.

Am 25. Mai debattierten rund 500 zufällig ausgewählte Menschen, die im Hinblick auf Alter, Bildung und Geschlecht insgesamt einen Querschnitt der Gesellschaft abbildeten, in Rostock, Köln, Fürth und Freiburg sowie in Kiel, wo junge Menschen bis 34 Jahre geladen waren. „Wir wollen heute erfahren, welche Themen Ihnen besonders am Herzen liegen und welche Reformideen Sie für unser Gesundheitswesen haben“, sagte Bernadette Klapper, Bereichsleiterin Gesundheit der Robert Bosch Stiftung, zur Begrüßung der Teilnehmer in Freiburg. „Wir geben Ihnen nichts vor, das Wichtigste ist, dass Sie frei denken.“

In der ersten Phase der Bürgerdialoge, die sich jeweils über den ganzen Samstag erstreckten, tauschten sich die Teilnehmer in mehreren Tischrunden darüber aus, was sie am heutigen Gesundheitssystem stört, welche Erfahrungen sie damit gemacht haben und welche Veränderungen sie sich wünschen. Jeweils mehrere Tische wurden verschiedenen Themenbereichen zugeordnet, die Anfang des Jahres in einem Workshop von Bürgern ausgesucht worden waren, darunter zum Beispiel Prävention/Bildung, Finanzierung, Digitalisierung oder Qualität der Versorgung.

Anschaulich berichteten die Teilnehmer von ihren bisherigen Erfahrungen. „Wenn ich zum Arzt gehe, habe ich oft das Gefühl, ich bin nur eine Nummer“, sagte etwa die Rostockerin Heike Winkler. „Wir haben in Deutschland alle möglichen tollen Geräte, aber zu wenig Zeit für ein persönliches Gespräch“, beklagte die 54-jährige Architektin. Ein teilnehmender Arzt, der am selben Tisch zum Thema Qualität/gute Versorgung diskutierte, bestätigte diese Beobachtung: „Das Gesundheitssystem ist auf Massenabfertigung ausgelegt, vor allem den niedergelassenen Ärzten fehlt die Zeit, sich in Ruhe mit den Patienten zu befassen.“

Gemeinsam überlegten die Teilnehmer dieser Runde, wie sich der Verwaltungsaufwand reduzieren ließe. „Ich finde es übertrieben, dass ich mich jedes Mal vom Arzt krankschreiben lassen muss, wenn ich drei Tage nicht zur Arbeit gehen kann“, sagte ein weiterer Bürger. „In Schweden zum Beispiel braucht man erst ein Attest, wenn man länger krank ist.“

Nach der ersten Gesprächsrunde wurden die Ideen aller Tische an Stellwände gepinnt und anderen Teilnehmern vorgestellt. Anschließend erhielten die anwesenden Bürger die Gelegenheit, die Vorschläge genauer zu durchdenken und zu konkretisieren. „Am Ende des Tages werden wir aus jedem Themenbereich konkrete Bürgervorschläge haben“, erklärte Joachim Lück die Vorgehensweise. „Sie sind das zentrale Element der Bürgerdialoge.“ Lück gehört zum Team von „IKU_Die Dialoggestalter“, die im Auftrag der Robert Bosch Stiftung den Bürgerbeteiligungsprozess organisieren.

Engagiert wurde an den Tischen über die Ausformulierung der Vorschläge diskutiert. „Gesundheitsversorgung darf nicht erst anfangen, wenn die Menschen schon krank sind“, sagte Günter Scholz. „Schon im Kindergarten und in der Schule müssen die Kinder lernen, wie wichtig gesunde Ernährung ist“, betonte der 74-Jährige. Seine Tischnachbarn pflichteten ihm bei, sodass eine bessere Gesundheitsaufklärung in ihren Bürgervorschlag aufgenommen wurde.

„Die heute entwickelten Vorschläge können im Anschluss von allen interessierten Bürgern online diskutiert werden“, kündigte Joachim Lück an. Der Online-Dialog von „Neustart!“ lief vom 25. Juni bis 31. Juli.

Zum Ende der Veranstaltung stand die Wahl der Bürgerbotschafter an. Diese sollen die Bürgervorschläge aus allen fünf Städten und die Online-Kommentare so aufbereiten, dass sie von den Experten in den Think Labs der Initiative weiter diskutiert werden können.

„Der Mensch ist Mensch, wenn er gesund ist. Man hat nur alle Freiheiten, wenn man nicht durch Krankheiten eingeschränkt ist oder halbtot an irgendwelchen Apparaten hängt. Deswegen geht das Thema Gesundheit jeden an“, sagte Richard Bassow, 22, Hafenlogistiker aus Rostock, der zum Bürgerbotschafter gewählt wurde. „Die Diskussionen waren spannend, weil so unterschiedliche Leute, alt und jung, aus unterschiedlichen Berufen, beteiligt waren. Jetzt freue mich darauf, den Experten die Meinungen der normalen Leute mitzuteilen.“

Dr. Claudia Maier von der Technischen Universität Berlin, Fachgebiet Management im Gesundheitswesen, stand den Bürgern in Rostock als neutrale Expertin bei Fachfragen zur Seite. Ihr Resümee: „Ich bin begeistert, wie sich die Bürger in die Diskussionen eingebracht haben. Am Ende werden tolle Ergebnisse vorliegen.“

Eindrücke vom Bürgerdialog in Fürth