„Die größte Gefahr für unser Gesundheitswesen ist die Kommerzialisierung“

Expertin im Interview: Prof. Dr. Jana Jünger, Direktorin des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP)

Robert Bosch Stiftung | März 2020
Prof. Dr. Jünger
Foto: Henning Angerer

„Neustart!“: Frau Jünger, Sie leiten das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP), das die Prüfungsaufgaben für die medizinischen Berufe entwickelt. Wie beeinflussen die sich ändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Prüfungsfragen? 

Jana Jünger: Die Prüfungen haben die Funktion, die Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten auf ihren Beruf vorzubereiten. Die Berufsanfänger sollen einerseits die Bevölkerung gut versorgen können, sie sollen sich aber auch sicher fühlen, in dem, was sie tun. Wenn sich die Anforderungen der Gesellschaft ändern, müssen wir natürlich auch die Prüfungen anders gestalten. Nehmen Sie zum Beispiel die Digitalisierung, die ja auch die medizinischen Berufe erfasst. Für den Umgang mit digitalen Daten und Medien haben wir neue Lernziele definiert, die jetzt auch in die Prüfungen einfließen. 

„Neustart!“: Welche Anforderungen stellt die demografische Entwicklung an die Gesundheitsberufe? 

Jana Jünger: Der Anteil älterer Menschen wird steigen. Sie haben andere Bedürfnisse und für ihre Versorgung brauchen wir neue Arten der Zusammenarbeit. Kollaboratives Arbeiten im Team wird einen noch höheren Stellenwert bekommen. Als Konsequenz prüfen wir für das Staatsexamen die Kompetenz interprofessioneller Zusammenarbeit stärker als bisher. Ganz neu ist, dass Ärzte nicht nur von anderen Ärzten beurteilt werden, sondern auch von Personen, die in den Pflegeberufen arbeiten. Die Pflegekraft bewertet zum Beispiel, wie gut ein Arzt eine Übergabe macht. 

„Neustart!“: Angehende Ärztinnen und Ärzte müssen mit einer hohen Arbeitsbelastung rechnen und tragen viel Verantwortung. Wie bleibt der Beruf attraktiv? 

Jana Jünger: Wie in anderen Berufen spielt für das Thema Work-Life-Balance eine zunehmend wichtige Rolle, übrigens nicht nur für die junge Generation. Wir müssen den Beruf so gestalten, dass Arbeit und Privatleben in Einklang gebracht werden können. Umso mehr müssen wir die Medizin als Teamarbeit verstehen, bei der die verschiedenen Disziplinen und Berufsgruppen partnerschaftlich zusammenarbeiten. Die Übergabe – zum Beispiel zwischen Ärztin und Therapeut – muss ohne Reibungsverluste funktionieren. Daher ist die interprofessionelle Kommunikation ein ganz wichtiger Teil der Ausbildung. Abgesehen davon erlebe ich auch die jüngeren Menschen als sehr idealistisch und leistungsbereit, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen die Strukturen ermöglichen, sinnvolle Arbeit zu leisten. 

„Neustart!“: Welche Entwicklungen im Gesundheitssystem sehen Sie mit Sorge? 

Jana Jünger: Ich glaube es gibt einen breiten Konsens darüber, dass die Kommerzialisierung in der Medizin heute die größte Gefahr für die Gesundheitsversorgung ist. Wir erleben einen Angriff kommerzieller Akteure auf die Strukturen des Gesundheitssystems. Es gibt viele Beispiele: Aufkauf von zahnmedizinischen und anderen Fachpraxen durch Finanzinvestoren, Fokussierung auf Operationen, die viel Geld bringen, die Einführung illegaler Boni, um mehr Gewinn zu erzielen. Ich kenne viele Chefärzte, die so unter Druck gesetzt werden, bestimmte Leistungen zu erbringen, dass sie aus ethischen Gründen kündigen. Dieser Entwicklung müssen wir entschieden entgegentreten, denn sie widerspricht den solidarischen und demokratischen Prinzipien unseres Gesundheitssystems.

„Neustart!“: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit in der Initiative „Neustart!“?

Jana Jünger: Die Diskussion über einen Neustart ist genau das, was wir jetzt brauchen. Besonders gut gefällt mir, dass wir als Experten nicht unter uns bleiben, sondern auch die Bürger zu Wort kommen. Die Demokratie lebt davon, dass die Menschen sie mitgestalten können. Ich glaube, dass die Initiative am Ende wichtige Impulse für einen Neustart des Gesundheitswesens geben wird.