Mit starken Teams die Gesundheitsversorgung zukunftsfähig machen

Deutschland geht einem Hausärztemangel entgegen und zugleich muss das Gesundheitssystem aufgrund der älter werdenden Bevölkerung mehr leisten. In Zukunft könnten multiprofessionell besetzte PORT-Gesundheitszentren einen wichtigen Beitrag zur Versorgung leisten – auch auf dem Land.

Robert Bosch Stiftung | Mai 2021

Weiten Teilen Deutschlands droht in den nächsten Jahren ein Mangel an medizinischer Erstversorgung. Diese wird traditionell zu einem großen Teil von Hausärztinnen und Hausärzten geleistet. Doch von den heute Praktizierenden sind fast 16 Prozent mehr als 65 Jahre alt, viele sehen ihrem Ruhestand entgegen. Bereits heute sind etwa 3.300 hausärztliche Stellen unbesetzt, im Jahr 2035 könnten es bereits 11.000 sein. Das ist eine Prognose der Studie „Gesundheitszentren für Deutschland – Wie ein Neustart in der Primärversorgung gelingen kann“, die das IGES Institut im Auftrag der Robert Bosch Stiftung erstellt hat. Zugleich verändert sich durch den demografischen Wandel der Versorgungsbedarf, denn mit der Lebenserwartung der Bevölkerung steigt auch die Zahl chronischer Erkrankungen. Für einen guten Verlauf dieser Erkrankungen wird weitaus mehr als medizinische Akutbehandlung benötigt: eine kontinuierliche Begleitung auch durch andere Gesundheitsberufe, wie zum Beispiel Physiotherapie und Pflege, zur Unterstützung in vielfältigen Aspekten einschließlich einer angemessenen Gestaltung des Alltags mit der Erkrankung. Deshalb muss Deutschland bei der Primärversorgung neue Wege gehen. Eine vielversprechende Lösung sind „Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung“ (PORT-Zentren), wie sie bereits heute von der Robert Bosch Stiftung in Modellprojekten gefördert werden.

Hintergründe des Hausärztemangels

Nach Berechnungen der Studie wird 2035 rund ein Fünftel der Kreise in Deutschland hausärztlich unterversorgt sein (Versorgungsgrad von unter 75  Prozent). Ein weiteres Fünftel der Kreise wird sich am Rande der hausärztlichen Unterversorgung bewegen (Versorgungsgrad 75  bis 80 Prozent). Vor allem ländliche Regionen, aber auch kleinere bis mittlere Städte werden davon betroffen sein. Das liegt in erster Linie daran, dass nicht genug junge Medizinerinnen und Mediziner nachrücken, um die altersbedingt ausscheidenden (Haus-)Ärztinnen und (Haus-)Ärzte zu ersetzen. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Eine davon ist, dass eine wachsende Zahl der angehenden Ärztinnen und Ärzte lieber angestellt und im Team arbeiten will. Das hängt mit dem Wunsch zusammen, zumindest in bestimmten Lebensphasen Teilzeit arbeiten zu können – kaum vereinbar mit einer eigenen Hausarztpraxis.

Gesundheitszentren als erste Anlaufstelle

Während das deutsche Gesundheitssystem lange Zeit vor allem spezialisierte Versorgungsangebote gestärkt hat, haben andere Länder bereits damit begonnen, eine leicht zugängliche, gemeindenahe Gesundheitsversorgung aufzubauen und vermehrt Primärversorgungszentren einzuführen. In diesen Zentren arbeiten multidisziplinäre Teams unterschiedlicher Gesundheitsberufe zusammen. Sie nutzen innovative digitale Technik, um Informationen gemeinsam zu nutzen und den Interessen der Bevölkerung vor Ort effizient zu dienen. Sie bieten ihrer Gemeinde vielfältige Leistungen von der Prävention und Gesundheitsförderung über die medizinische Behandlung, die Rehabilitation und das Management chronischer Krankheiten bis hin zur Unterstützung des Selbstmanagements Betroffener. Sie arbeiten patientenzentriert, bieten kontinuierliche Versorgung „aus einer Hand“ und beziehen Patientinnen und Patienten nach Möglichkeit bei Entscheidungsprozessen mit ein.

Neues Zusammenspiel der Gesundheitsberufe

Auch in Deutschland gibt es Ansätze zum Aufbau einer neuen Primärversorgung: Die Robert Bosch Stiftung fördert mit dem Programm „PORT – Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung“ seit 2017 die (Weiter-)Entwicklung und den Aufbau lokaler Gesundheitszentren an mittlerweile 13 Standorten in neun Bundesländern. Die Zusammensetzung der Teams, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten, wird durch eine regionale Bedarfsanalyse bestimmt. Zum Zentrum gehören Ärztinnen und Ärzte, Fachkräfte etwa aus Physiotherapie, Logopädie, Sozialberatung und anderen Bereichen nach Bedarf. Eine wichtige Rolle üben auch studierte Pflegefachpersonen aus, die als „Community Health Nurses“ wichtige Koordinations-, Beratungs- und weitere Aufgaben wahrnehmen.

Gesundheitszentren als attraktive Arbeitgeber

Die Studie verdeutlicht, dass neue Versorgungsmodelle auch die Attraktivität der Gesundheitsberufe steigern sollten – gerade in ländlichen Regionen. Primärversorgungszentren ermöglichen neue Perspektiven in der Pflege und machen den Beruf damit attraktiver. Medizinstudierende sind Umfragen zufolge offen für verstärktes Arbeiten im Team. Für den wachsenden Anteil der Ärztinnen und Ärzte, die lieber in Anstellung als in der eigenen Praxis arbeiten wollen, kann das PORT-Zentrum ein begehrter Arbeitgeber sein. Die professionsübergreifende Kooperation ermöglicht es, Mehrfachuntersuchungen, Kommunikationsdefizite und andere Schwächen des bisherigen Systems zu überwinden.

PORT-Zentren: Ein Gewinn für die Gesundheitsversorgung

Da sich jedes der bisher 13 PORT-Zentren am regionalen Bedarf orientiert, sind sie sehr vielfältig: Sie funktionieren in bevölkerungsreichen Großstadtrevieren wie Hamburg-Veddel wie auch auf der dünn besiedelten Schwäbischen Alb. Mal liegt ein Schwerpunkt auf hochbetagten Menschen, die auf Hausbesuche angewiesen sind, mal stehen jüngere Zielgruppen mit erhöhten Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem im Mittelpunkt. Sie bieten den Menschen vielfältige Leistungen von der Prävention und Gesundheitsförderung für die gesamte Einzugsbevölkerung über die jeweils individuelle Behandlung bis hin zur Rehabilitation, alles eng verzahnt und aufeinander abgestimmt. Alle PORT-Zentren sind in ihrer Region gut vernetzt und werden sehr gut angenommen. Nach Modellrechnungen könnte mit 1.000 Standorten ein bundesweit flächendeckendes Angebot an PORT-Zentren realisiert werden. Eine derartige Weiterentwicklung der primären Versorgungsstrukturen durch Gesundheitszentren mit lokaler Verwurzelung und teambasierten Arbeitsmodellen wäre ein großer Gewinn für die Gesundheitsversorgung in Deutschland.

Neuordnung der Primärversorgung in Deutschland

PORT-Zentren sind prinzipiell offen für eine Vielzahl von Kooperationen und daher für zahlreiche ambulante Leistungserbringer zugänglich. Aufgrund der konzeptionellen Ausrichtung ist das Modell jedoch gleichzeitig anspruchsvoll. In den bestehenden Vergütungsstrukturen können insbesondere die interprofessionellen Absprachen, die der Qualität und Patientenzentrierung der Behandlung zugutekommen, bislang nicht abgerechnet werden. Daher braucht es gesundheitspolitische Reformen, die nach dem Vorbild der PORT-Zentren den Aufbau einer zukunftsfähigen Primärversorgung im ganzen Land unterstützen. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre eine formale Verankerung der Primärversorgung als eigenständige Versorgungsform im fünften Buch des Sozialgesetzbuches (SGB V) sowie in den nachgeordneten Vertragswerken. "Community Health Nurses" müssen direkt in die Leistungserbringung einbezogen werden, nicht nur in Form der Delegation. Außerdem sollen sie in Teilen der primärmedizinischen Versorgung selbstständig Heilkunde ausüben dürfen. Darüber hinaus braucht es verstärkte Anstrengungen zur Sicherung des multiprofessionellen Fachkräftenachwuchses, einen Ausbau der digitalen Vernetzung und eine konsequente Orientierung an den Bedarfen der Menschen vor Ort in der Versorgungsplanung. Kurz: Es braucht einen Neustart für die Primärversorgung.

Neutstart! Gipfel

Der Begriff „Neustart“ hat für uns als Robert Bosch Stiftung auch eine ganz konkrete Bedeutung: In drei Wochen, am 18. Juni werden wir die Ergebnisse der gleichnamigen Reformwerkstatt für das Gesundheitswesen online präsentieren. Seien Sie dabei und nehmen Sie die vielen Impulse und konkreten Vorschläge mit in Ihr Umfeld. Gemeinsam können wir unser Gesundheitssystem zukunftsfähig machen.