„Wir brauchen neue Strategien, um gesundes Verhalten zu fördern“

Lebhafte Debatten bis zum Schluss: Bei unserem siebten und abschließenden Think Lab gaben die Teilnehmenden den Ideen für eine Neuausrichtung unseres Gesundheitswesens den letzten Schliff.

Robert Bosch Stiftung | März 2021

2021 wird ein Jahr der Entscheidungen. Die Bundestagswahlen im September und die Wahlen in neun Bundesländern stellen die Weichen für die Politik der nächsten Jahre. Und auch für die Gesundheitsversorgung in Deutschland müssen Entscheidungen getroffen werden, um sie zukunftsfähig aufzustellen. Trends wie der zunehmende Fachkräftemangel, die Digitalisierung, der demografische Wandel und nicht zuletzt die Erfahrungen der Corona-Pandemie machen eine Neuausrichtung erforderlich. Daher wird auch die Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“ ihre Ergebnisse dieses Jahr vorlegen. Mit dem siebten Think Lab am 3./4. März 2021 ist die Initiative auf die Zielgerade eingebogen.

Mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen

Im Rahmen einer Online-Konferenz trafen die beim Bürgerdialog im November 2020 gewählten Bürgerbotschafterinnen und -botschafter mit Expertinnen und Experten zusammen, um die bisher erarbeiteten Vorschläge zu konkretisieren. In dem aktuell veröffentlichten Bürgerreport 2020 werden die Ergebnisse aus dem Online- Bürgerforum vorgestellt. „Bei unseren bisherigen Veranstaltungen herrschte nicht in allen Punkten Einigkeit, aber es gab deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen“, hob Prof. Mujaheed Shaikh von der Hertie School hervor, die das Projekt als Kooperationspartnerin begleitet. Drei Arbeitsgruppen reflektierten die thematischen Prioritäten der bisherigen Reformwerkstatt: „Gesundheitsförderung, Partizipation, Community, Bildung und Gesundheitskompetenz“, „Neue Versorgungsstrukturen, Primärversorgungszentren und kommunale Planung“ sowie „Gerechte, nachhaltige Finanzierung und solidarische Krankenversicherung“.

Keine Mehrheit für staatliche Einheitsversicherung

In der Finanzierungsrunde kritisierte Bürgerbotschafter Hans-Günter Brassel die Ungleichbehandlung der Versicherten: „Ich erlebe in meinem privaten Umfeld, dass viele Menschen länger als drei Monate auf einen Facharzttermin warten müssen, während privat versicherte Beamtinnen und Beamte den Termin in drei Tagen bekommen. Das geht nicht, da muss sich was ändern.“ Dietmar Haun vom Wissen­schaft­lichen Institut der AOK ergänzte: „Wir brauchen für die Finanzierung der Gesundheitsversorgung die breiten Schultern der Menschen mit hohem Einkommen.“ Seine Zusammenfassung der bisherigen Bürgervorschläge: „Die Mehrheit befürwortet das bestehende System, wenn es weiterentwickelt wird. Es soll gerechter werden, aber weiterhin auch Wettbewerb zwischen den verschiedenen Krankenkassen ermöglichen.“ Bürgerbotschafterin Ina Kohl fügte hinzu: „Wir haben uns mehrheitlich gegen eine steuerfinanzierte staatliche Einheitsversicherung ausgesprochen – wie es sie etwa in Großbritannien gibt. Aber ein Steuerzuschuss könnte ein Teil des Modells sein.“

Fundierte Informationen für vulnerable Gruppen

Gefeilt wurde auch an den Vorschlägen aus den Themenbereichen Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz. „Im Internet treffe ich häufig auf irreführende Gesundheitsinformationen“, sagte Bürgerbotschafterin Karin Fellerer. „Wünschenswert wäre ein bundeseinheitliches Gesundheitssiegel, mit dem man seriöse Angebote von unseriösen unterscheiden kann.“ Bürgerbotschafter Dietmar Blohm fügte hinzu: „Medikamentenwerbung grenzt häufig an Fake News. Es sollte eine Instanz geben, die dagegen vorgeht.“ Seriöse Informationen seien wichtig – aber auch nur ein Teil der Lösung, gab Dr. Michael Lauerer vom Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth zu bedenken: „Oft erreicht man damit diejenigen am besten, die ohnehin schon gut informiert sind.“ Wichtig sei es, vulnerable Gruppen zu fokussieren.

Arbeitsbedingungen, die nicht krank machen

Dem stimmte Prof. Dr. Marie-Luise Dierks vom Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheits­system­forschung an der Medizinischen Hochschule Hannover zu: „Jedes Kind lernt in der Schule, dass Cola trinken und zu viele Süßigkeiten essen nicht sehr gesund sind.“ Das Wissen ändere aber nicht unbedingt etwas am Verhalten. Das Gesundheitssystem braucht Dierks zufolge neue Strategien, um gesundes Verhalten zu fördern. Bei der Informationsvermittlung müssten die individuellen Fähigkeiten der Menschen und ihre Lebensverhältnisse stärker berücksichtigt werden. Bürgerbotschafterin Madeleine Weis ist überzeugt: „Gesundheitskompetenz kann den Menschen am besten in ihrer Lebenswelt vermittelt werden, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Aus meiner Sicht sollten wir die Arbeitgeber nicht nur als Partner bei der Informationsvermittlung einbeziehen. Wir müssen Arbeitsbedingungen schaffen, die nicht krank machen.“

Reformen müssen sich selbst finanzieren

Das Thema medizinische Versorgung vor Ort zieht sich wie ein roter Faden durch alle Diskussionen: Die Bürgerinnen und Bürger sprechen sich für multiprofessionelle lokale Gesundheitszentren aus. Aber wie sollen diese finanziert werden? Mehr Geld wird es nicht geben, befürchtet Dr. Helmut Hildebrandt, Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG, die Regionen bei der Neuausrichtung ihrer Gesundheitsversorgung berät. „Wir werden alle Reformen unter finanziell knappen Bedingungen durchführen müssen, denn in der Corona-Pandemie wurde schon sehr viel Geld ausgegeben.“ Innovationen müssten sich im Idealfall selbst finanzieren – zum Beispiel Gesundheitslotsinnen und -lotsen, die Menschen beim Kontakt mit dem Gesundheitssystem zur Seite stehen und so exemplarisch Kosten durch die Vermeidung von Mehrfachuntersuchungen einsparen. „Dafür müssen wir aber auch die Strukturen in den Regionen ändern“, so Hildebrandt. „Einfach neue Player im alten System zu ergänzen, bringt uns nicht weiter. Wir müssen Innovation belohnen.“

Gesundheitszentren können die Versorgung verbessern

Eine Möglichkeit, mehr finanziellen Spielraum für die Gesundheitsversorgung zu schaffen, sei eine konsequente Ambulantisierungsstrategie, sagt Dr. Stefan Etgeton vom Programm „Versorgung verbessern – Patienten informieren“ der Bertelsmann Stiftung. „Viele Leistungen, die heute stationär erbracht werden, könnten ambulant genauso gut und zumeist günstiger erbracht werden.“ Dass Gesundheitszentren eine sinnvolle Ergänzung darstellen könnten – gerade auf dem Land – glauben nicht nur Expertinnen und Experten. Bürgerbotschafter Hajo Janßen: „Bei uns an der Küste gehen viele ältere Ärzte in Rente. Gesundheitszentren könnten eine gute Lösung sein, dem Ärztemangel zu begegnen.“

Extrakt der Reformwerkstatt: Der Bürgerreport

Erinnert wurde auch an die Themen, die bei diesem Think Lab aus Sicht einiger Beteiligter zu kurz kamen. Dietmar Blohm: „Die Abschaffung der Zwei-Klassen-Medizin wurde von vielen Bürgerinnen und Bürgern eingefordert. Das sollte im Laufe des Prozesses nicht verloren gehen!“ Expertin Dr. Gabriele Seidel erinnerte an die Chancen der Digitalisierung: „Ich will über meine eigene Gesundheit bestimmen. Ich will eine elektronische Patientenakte, die ich selber verstehe, meine Angehörigen und alle Beteiligten im Gesundheitswesen.“ Bürgerbotschafterin Sophia Rakowski ergänzte: „Digitalisierung ist ein wichtiges Thema, aber Personalmangel in der Pflege und anderswo ist akut vielleicht noch vordringlicher.“ Leidenschaftlich, kontrovers und am Ergebnis orientiert wurde bis zuletzt diskutiert. Der Bürgerreport 2020 gibt Einblicke in die Ergebnisse des zweiten Bürgerdialogs. In Kürze wird das Thesenpapier zu dem Bürger-Experten-Workshops erscheinen. Auch Sie können ihn hier in Kürze lesen! 

Lehren aus der Pandemie ziehen

Am 25. März 2021 fand eine Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Initiative Neustart! in Kooperation mit dem Marburger Bund und der Stiftung Gesunde Erde Gesunde Menschen unter dem Titel: „COVID-19: Eine Bewährungsprobe für die Solidargemeinschaft – Wie bereiten wir uns in der Gegenwart auf die Zukunft vor?“ statt. Politik, Wissenschaft und Gesundheitswesen sind beherrscht vom Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie. Doch es gibt noch mehr globale Herausforderungen, daher muss gerade die Wissenschaft den Blick heben und Strategien für morgen entwickeln. Bei der Onlinediskussion blieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht unter sich, sondern diskutierten mit Bürgerinnen und Bürgern – unterhaltsam moderiert von Eckart von Hirschhausen.

Versäumnisse und Grund zur Zuversicht

„In der Pandemie sucht die Politik durchaus den Dialog mit der Wissenschaft – aber sehr selektiv“, befand Dr. Birte Fähnrich, Kommunikationswissenschaftlerin an der BBAW. Die Politik müsse besser darin werden, auf die Wissenschaft zu hören – auch in Situationen, die durch Unsicherheit geprägt seien. Medizin-Student Joachim Pankert betonte ein anderes Defizit, das in der Pandemie sehr deutlich geworden sei: Die Rückstände in der Digitalisierung. „Vor der Pandemie steckten Konzepte zur Telemedizin größtenteils noch in den Kinderschuhen. Telemedizin ist in der Pandemie sehr nützlich und kann in Zukunft helfen, die ärztliche Versorgung insbesondere in ländlichen Gebieten zu gewährleisten.“ Und Dr. Peter Bobbert, Landesvorsitzender des Marburger Bundes Berlin/Brandenburg, betonte die hoffnungsvollen Aspekte im Umgang mit der Pandemie: „Wir haben auch große gesellschaftliche Solidarität erlebt – das sollte uns viel Mut für die Zukunft geben.“