„Wir haben in Deutschland viel zu viele stationäre Fälle“

Experte im Interview: Prof. Dr. med. Reinhard Busse lehrt Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der Technischen Universität Berlin

Robert Bosch Stiftung | September 2020
Foto: Henning Angerer

„Neustart!“: Herr Busse, Deutschland verzeichnet pro Kopf höhere Gesundheitsausgaben als die meisten anderen Länder der Welt. Woran liegt das? 

Reinhard Busse: Ein wichtiger Grund ist, dass die Patienten in Deutschland häufiger in Krankenhäuser eingewiesen werden und dort länger liegen als anderswo. Krankenhäuser bekommen in normalen Zeiten – die Corona-Pandemie ist die Ausnahme – nur Geld für gefüllte Betten. Und wenn Krankenhausbetten frei sind, werden sie mit Patienten belegt, die man sehr gut und viel günstiger auch ambulant behandeln könnte. Das betrifft zum Beispiel Menschen mit Diabetes, Herzinsuffizienz oder Hypertonie. Auch viele Patienten, die ambulant operiert werden könnten – etwa bei einem Katarakt – werden eingewiesen. 

„Neustart!“: In Deutschland gibt es rund 1900 Krankenhäuser. Sie sagen, das sind zu viele – was läuft falsch bei der Krankenhaus-Planung? 

Reinhard Busse: Da spielen oft lokalpatriotische Überzeugungen eine Rolle: Das nächste Krankenhaus soll schnell erreichbar sein. Das sollte aber nicht das ausschlaggebende Kriterium sein. Wichtig ist doch, wie gut die Behandlung ist. Wenn ein Mensch einen Herzinfarkt erleidet, sollte er in ein Krankenhaus mit Kardiologie und Herzkatheterlabor eingeliefert werden, die idealerweise rund um die Uhr besetzt sind. Das können viele kleine Krankenhäuser gar nicht leisten. Von den rund 1300 Krankenhäusern, die Herzinfarktpatienten versorgen, haben nur rund 500 ein Herzkatheterlabor. Patienten, die in eines der anderen Häuser eingeliefert werden, erhalten dort keine adäquate Behandlung. 

„Neustart!“: Wenn wir einen Großteil der bestehenden Häuser schließen, bedeutet das aber längere Anfahrten. In Notfällen entscheidet der Faktor Zeit oft über Leben und Tod. 

Reinhard Busse: Es hilft aber nichts, die Nettozeit zu messen, in der ich an der Krankenhaustür bin. Wichtiger ist die Bruttozeit, bis ich in Behandlung bin. In vielen kleinen Kliniken ist zum Beispiel am Abend nur ein Assistenzarzt vor Ort, der im Notfall den Facharzt verständigt. Der hat laut Richtlinie des GBA (Gemeinsamer Bundesausschuss, d. Red.) 30 Minuten Zeit, bis er im Krankenhaus sein muss. Da ist es in vielen Fällen besser, wenn der Krankenwagen gleich in die nächste Stadt fährt, auch wenn der Weg länger ist, weil dort die Behandlung schneller beginnt. Denn größere Kliniken haben Schichtdienste und die Fachärzte sind rund um die Uhr im Einsatz. 

„Neustart!“: An wen sollen sich Patientinnen und Patienten auf dem Land wenden, wenn es in der näheren Umgebung kein Krankenhaus mit Notaufnahme mehr gibt? 

Reinhard Busse: In den meisten Fällen gehen Patienten ja nicht in die Notaufnahme, weil sie meinen, dass sie eine stationäre Versorgung brauchen, sondern weil sie eine ambulante Versorgung außerhalb der Öffnungszeiten ihres Hausarztes brauchen. Das kann anders organisiert werden, zum Beispiel über Gemeinschaftspraxen mit ausgeweiteten Öffnungszeiten oder medizinische Versorgungszentren mit Schichtdiensten. Hier muss auch nicht alles mit Ärzten besetzt sein, in vielen Fällen können die Menschen auch von einer qualifizierten Pflegekraft, der sogenannten Community Health Nurse, erstversorgt werden. Natürlich muss in schwerwiegenden Fällen ein schneller Transport ins nächste Krankenhaus erfolgen. Auch das lässt sich organisieren. 

„Neustart!“: Welche Lehren sollten wir aus der Corona-Pandemie für die Gesundheitsversorgung ziehen? 

Reinhard Busse: Wir dürfen nicht so tun, als müssten wir wieder zu einem Normalzustand zurückkehren, der kein guter war. Vor der Corona-Pandemie waren wir an einem Punkt, an dem über Krankenhausstandorte und deren Kosten diskutiert wurde. Jetzt werden wieder überall Betten gezählt. Wir haben im Vergleich zu anderen Ländern viel zu viele stationäre Fälle. Wenn während der Corona-Pandemie weniger Menschen eingewiesen wurden, war das in den meisten Fällen keine Unterversorgung, sondern der Abbau einer Überversorgung, die wir uns auf Dauer nicht leisten können. 

„Neustart!“: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit in der Initiative „Neustart!“?

Reinhard Busse: Ich bin immer etwas skeptisch, wenn lange Diskussionsrunden angesetzt sind. Aber es sind wirklich schlaue Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, die hier aufeinandertreffen, und es ist interessant zu erleben, wie in der Zusammenarbeit auch ganz unkonventionelle Ansätze entstehen. Ich bin gespannt, welche Ergebnisse wir am Ende zustande bringen.